Hier nun ein paar Bildchen von dem armen Auto aus dem wir beide lebend und
unverletzt herausgekommen sind.
Noch mal davon gekommen
(drüben ist noch kein Zimmerchen für uns frei)
Ein schöner Samstag, der 08.08.2009. Schatzi und ich beschließen, abends zum Griechen essen zu gehen. Das tun wir erst auch, werden aber zur Begrüßung von der Bedienung so unfreundlich angeschnauzt, weil wir den ihrer Meinung
nach falschen Eingang zum Garten wählen, daß wir beschließen, weiter zu fahren und uns in einem freundlicheren Lokal die Bäuche vollschlagen. Den Zuschlag bekommt ein mexikanisches Restaurant. Während Schatzi mit einem Mix-Teller kämpft, auf dem zwar alles Mögliche zu finden, aber leider auch alles Mögliche zu stark in Fett
frittiert ist, genieße ich einen wunderbaren Salat mit Putenstreifen.
Wohlgenährt machen wir uns wieder auf den Heimweg, um uns die Märchen-Persiflage mit den Gebrüdern Grimm anzusehen. Die Beschreibung klingt interessant.
20:05 Uhr, wir überlegen gerade, daß wir es genau rechtzeitig zum Anfang des Films nach Hause schaffen, ruft Schatzi plötzlich panisch: „Oh Gott – was macht DER denn?“
Ich sehe hoch und sehe einen dunkelblauen Renault mit qualmenden Reifen schräg und schleudernd bereits zur Hälfte auf unserer Fahrbahn auf uns zuschießen. Schatzi versucht noch, so weit wie möglich nach rechts an den Fahrbahnrand auszuweichen. Ich sehe, daß er an uns vorbei ist, denke noch: ‚jetzt irgendwo schnell recht anhalten, das geht nicht glimpflich ab mit dem’, da tut es einen Mordsschlag und wir beginnen eine unheimliche Schleuderfahrt. Unser Auto dreht sich um die eigene Achse, schleudert und rast seitlich und rückwärts weiter über die Fahrbahn auf die gegenüberliegende Böschung zu. Unter dieser Böschung liegen die Bahngleise und wir sehen einen Zug auf uns zufahren und uns auf ihn zuschleudern.
Schatzi ruft noch „Oh mein Gott, wir erwischen den Zug“, ich sehe ihn immer näher kommen, dann ist er mit uns auf gleicher Höhe und wir schleudern die Böschung runter. Schatzi liegt halb auf meinem Schoß, ich halte sie am Arm fest. Was immer passiert, wir sind zusammen. Ich denke noch ‚er ist schon da, wir erwischen ihn, nicht er uns’, dann ist er gerade vorbei und wir landen knapp hinter ihm auf dem Bahngleis. Auto steht, Motor läuft noch. Wir sehen uns an.
„Ist dir was passiert? Bist du verletzt?“
„Nein, du?“
„Auch nicht. Raus aus dem Auto“
Ich mache den Motor aus und zieh den Schlüssel ab. Wir steigen aus, Schatzi hebt elegant die neuen Gardinen, die plötzlich unser Auto schmücken (die aufgegangenen Seitenairbags) und steigt unter ihnen hindurch nach draußen. Ich denke noch ‚Mist. Keine Ahnung, wie ich die wieder eingerollt kriege’ – klar, sonst fehlt dem Auto ja sicher nichts – dann steige ich auch aus.
Wir stehen vor der Böschung und wissen nicht so recht, wie wir da wieder hochkommen.
Da tauchen schon zwei Gesichter oben auf, die Männer erkundigen sich, ob jemand verletzt ist, ob wir einen Notarzt brauchen. Nein, alles gut, wir müsse nur irgendwie wieder hoch auf die Straße. Sie kommen zu uns runter, einer von ihnen erwischt Schatzi unter dem linken Arm, ich halte sie unter dem rechten und so gehen wir mit ihr über die Gleise zum ca. 10 Meter entfernten Übergang auf dem man bequem wieder zur Straße kommt. Wie betriebsblind man manchmal sein kann. Verletzt ist sie nicht, aber verständlicherweise zittern ihr die Knie und Stehen ist grad gar nicht drin. Ein weiteres, sehr nettes Paar kommt mit seinem Auto zum Übergang und stellt es dort ab, damit Schatzi sich reinsetzen kann. Das tut sie auch. Ich versorge sie mit Zigaretten und einer Wasserflasche, die ich aus dem Auto hole. Ich will grad gar nicht sitzen, brauche in Streßsituationen eher Bewegung. Mache ein paar Fotos von unserem armen Autochen auf den Bahnschienen. Wie ich später feststelle, immer nur von der eigentlich intakten Seite aus. Auf der Seite befinden wir uns ja schließlich, zu weit will ich auch nicht weg von Schatzi, man weiß ja nie, ob nicht doch was ist, was sich erst herausstellt, wenn der Schockzustand vorbei ist. Ist aber zum Glück nichts.
Inzwischen hat eine weitere Zeugin die Polizei verständigt und auch veranlaßt, daß die Bahnstrecke gesperrt wird. Unser Autochen parkt schließlich da drauf. Das fehlt noch, daß ein weiterer Zug kommt und womöglich noch deswegen entgleist. Auf der Strecke fährt die Bahn zwar nur stündlich (oder halbstündlich, so genau weiß ich das nicht), dafür gibt es aber auch nur dieses eine Gleis, über das sie unweigerlich fahren muß.
Während wir auf die Polizei warten, erfahren wir auch die Ursache des Unfalls:
Wir fuhren an der Spitze einer Kolonne von vier Autos. Der vierte war wohl etwas ungeduldig und wollte alle drei vor ihm fahrenden Autos auf einen Schlag überholen. Der entgegenkommende Renault-Fahrer sah das, merkte, daß der Überholer nicht mehr rechtzeitig einscheren konnte und legte eine Vollbremsung hin um einen Frontalzusammenstoß zu verhindern. Dabei verlor er die Kontrolle über sein Fahrzeug, es kam ins Schleudern und so erwischte es erst unser Auto (etwas in der Mitte oder am Heck der Fahrerseite) und anschließend fast zeitgleich das Auto des Überholers. Wir landeten nach unserer Karussellfahrt auf den Bahngleisen, den Überholer katapultierte es auf der anderen Straßenseite in den Graben. Der Renault selbst drehte sich dreimal und kam dann schließlich zum Stehen.
3 Totalschäden, eine gesperrte Bahnlinie, aber zum Glück keine Verletzten.
Etwas später sehe ich auch den Grund, wieso der Überholer es so eilig hatte.
Er und seine Freundin nehmen nämlich gerade 4 große Familienpizzen aus dem
Kofferraum ihres ramponierten Autos. Vermutlich waren sie nur mal schnell Pizza
holen gefahren. Und 4 so große Teile verraten eigentlich, daß sie vermutlich
für eine größere Party gedacht waren. Damit diese auch noch warm ankommen ...
eigentlich logisch.
Irgendwann kam dann auch die Polizei, nahm alles auf. Ein Beauftragter der Bahn kam auch, besah sich alles. Es wurden gerade Ersatzbusse eingesetzt, wie wir von ihm erfuhren. Viel später dann endlich die Abschlepper, inzwischen war es schon dunkel. Als unser Auto dann endlich weg von den Schienen war, wurde der Bahnverkehr wieder freigegeben.
Im Nachhinein sahen wir dann, wie knapp wir auch noch einen Strommast verfehlt haben, neben dem wir zum Stehen kamen. Gut zu sehen auf
Bild Nr. 1. Wie tief die Böschung eigentlich ist, sieht man nur auf den zwei bereits bei Dunkelheit gemachten Bildern, die ich von der Straße aus gemacht habe:
hier und hier. Und die beschädigte Fahrerseite habe ich erst zwei Tage später beim Ausräumen des Autos auf dem Hof des Autohauses fotografiert.
Eigentlich wirklich ein Wunder, daß bei so einem Unfall niemand verletzt wurde. Mein größter Schreckfaktor war der Zug. Ich denke, nur Schatzi und ich haben gesehen und mitbekommen, wie knapp wir den tatsächlich verfehlt haben. Ich sehe die Bilder immer noch, vor allem vor dem Einschlafen, immer und immer wieder.
Wie Schatzi sehr richtig bemerkte, man lernt etwas Demut durch so etwas. Und wir haben jetzt beide die Gewißheit, daß unsere Zeit noch nicht abgelaufen ist. Unsere Zimmer sind noch nicht frei dort drüben. Wir haben noch unsere Berechtigung und unseren Platz im Hier und Jetzt – alle beide. So schlimm es auch war, ich bin froh, daß wir in diesen Momenten zusammen waren. Auch wenn wir genug wesentlich Schöneres zu teilen haben, ich bin froh, daß wir auch diese Erfahrung geteilt haben.
2 Tage später erschien dann auch die Nachricht dazu in den örtlichen Zeitungen. Aus dem
fränkischen
Tag:
Kein Blick für den Gegenverkehr
09.08.09
Unfall: Ein 37-jähriger Autofahrer wollte auf der Strecke von Wiesenthau nach Kirchehrenbach mehrere Fahrzeuge überholen. Dabei übersah er den Renault eines entgegenkommenden 22-Jährigen. Obwohl der Renaultfahrer reaktionsschnell mit einer Vollbremsung den drohenden Frontalzusammenstoß abwenden wollte, streiften sich beide Fahrzeuge. Ein VW wurde durch den nun außer Kontrolle geratenen Renault gerammt, so dass er im Graben an der parallel zur Fahrbahn verlaufenden Bahnlinie zum Stillstand kam. Da das Heck des VW in den Schienenbereich ragte, musste der Bahnverkehr zur Bergung am Samstagabend für eineinhalb Stunden gesperrt werden. Da alle Fahrzeuginsassen angegurtet waren, blieb es bei dem allerdings beträchtlichen Sachschaden von insgesamt 13.000 Euro.
Was den Sachschaden betrifft, das stimmt nicht ganz. Allein unser Autochen überstieg diesen Wert. Die beiden anderen kommen noch dazu.
3 Tage später fuhr ich dann nochmal die Strecke ab und filmte dabei die Bremsspuren. Das video habe ich auf
youtube eingestellt.
Meine einzige „Verletzung“ ist ein kleine Brandwunde am Arm, die vermutlich von meiner Zigarette kommt, die ich gerade geraucht hatte als es zum Unfall kam. Da sieht man mal wieder, wie gefährlich Rauchen ist. Sie schreiben es ja immer wieder auf die Packungen. Ich hätte einen neuen Vorschlag:
„Rauchen fügt ihnen im Moment eines lebensgefährlichen Unfalls eine Brandblase zu“
Und Schatzi tat am nächsten Tag der linke Arm und die Schulter weh. Wir vermuten beide, daß das vom beherzten Griff unseres Helfers herrührt, der recht kräftig zugepackt hatte, vermutlich aus Angst, sie klappt während des Weges zum Übergang doch noch zusammen..
Noch etwas hat mich das Ganze gelehrt: Es gibt viele unheimlich liebe Menschen, die bereit sind in solchen Situationen anzupacken und zu helfen. Es tut gut, das zu wissen. Ich nehme mir fest vor, wann immer ich mich wieder über einen meiner Mit-Verkehrsteilnehmer aufrege, daran zu denken.