Gespräch im Himmel

Es war einmal, vor langer, langer Zeit im Himmel. Eine Seele erkannte, was alle Seelen herausfinden wollten: was sie eigentlich war.

Sie freute sich über ihre Erkenntnis und teilte sie gleich Gott mit: "Ich weiß, was ich bin - ich bin das Licht."

Gott freute sich, daß sie es erkannt hatte, und bestätigte ihr, daß sie damit völlig richtig lag.

Doch nach einiger Zeit genügte es der Seele nicht mehr, nur zu wissen, daß sie das Licht war. Sie wollte sich auch als Licht erfahren. Darum ging sie wieder zu Gott, und bat ihn, ihr zu helfen: " Hallo, lieber Gott. Nun, da ich weiß, was ich bin, hilfst du mir bitte, es auch wirklich zu sein?"

Gott fragte nach: Du meinst, du willst sein, was du eigentlich schon längst bist?" und sah sie dabei lächelnd an.

"Tja, also" begann die Seele "ich weiß, daß ich das Licht bin, aber... hmmm ... ich möchte es auch erfahren, es fühlen, wissen wie es sich anfühlt..." Es war wirklich nicht leicht, zu erklären, was sie wirklich wollte.

Aber Gott hatte sie schon längst verstanden. Doch er wollte sie noch ein wenig zappeln lassen, um herauszufinden, ob sie das auch wirklich wollte. Darum erklärte er ihr: "Weißt du, es gibt dabei ein kleines Problem: Es gibt nichts anderes als Licht. Ich habe nichts anderes erschaffen. Du mußt dir das so vorstellen: Du bist der Schein einer Kerze. Und neben dir gibt es noch Milliarden anderer Kerzen, die alle genauso hell scheinen. Gemeinsam seid ihr so hell wie die Sonne. Aber wenn du fehlen würdest, wäre die Sonne nicht die Sonne, denn mit nur einer Kerze weniger könnte sie schon nicht mehr ganz so hell strahlen. Also stellt sich die Frage: Wie kannst du dich als Licht erfahren und fühlen, wenn du völlig von Licht umgeben bist?"

Die Seele wußte keinen Ausweg, und sagte nur: "Du bist doch Gott. Kannst du dir nicht etwas überlegen?"

Da lachte Gott und sagte: "Doch, das habe ich bereits. Weil du als Licht dich ja im Licht nicht erkennen kannst, werde ich dich einfach mit Dunkelheit umgeben."

Damit wußte die Seele aber nichts anzufangen: "Was ist denn bitte Dunkelheit?"

"Dunkelheit ist das genaue Gegenteil von Licht, also das Gegenteil von dem, was du bist."

"Werde ich mich davor fürchten?" fragte die Seele.

"Nur, wenn du dich davor fürchten willst. Es gibt absolut nichts, wovor du dich fürchten müßtest, es sei denn, du willst dich fürchten. Du mußt wissen, Furcht und Angst gibt es ausschließlich in deinen Gedanken."

Dann erklärte ihr Gott, wie wichtig es oft ist, daß man das Gegenteil von etwas sieht und erlebt, was man eigentlich will. Weil man ohne das Gegenteil nämlich nicht erkennen kann, wie etwas eigentlich ist. So kann man Wärme nicht ohne Kälte, oben nicht ohne unten, schnell nicht ohne langsam, hier nicht ohne dort, jetzt nicht ohne später und eben Licht nicht ohne Dunkelheit erkennen.

"Etwas sehr Wichtiges gibt es noch, was du immer bedenken mußt: Wenn du von Dunkelheit umgeben bist, verwünsche sie nicht, und werde nicht wütend auf sie, nur weil sie anders ist als du. Sei lieber ein Licht in der Dunkelheit. So kannst du dich als Licht erfahren und erleben, und alle anderen können dich dann auch als Licht sehen, und merken, daß du etwas Besonderes bist." ermahnte sie Gott.

"Meinst du wirklich, daß es gut ist, wenn die anderen sehen, daß ich etwas Besonderes bin?"

"Aber sicher doch. Jeder ist doch auf seine Art etwas Besonderes. Du darfst nur nicht ´Besonderes´ mit ´Besseres´ verwechseln. Nur leider haben die meisten das vergessen. Wie möchtest du denn besonders gerne sein?"

Die Seele war etwas verwirrt: "Wie meinst du denn das?"

"Also, das Licht hat verschiedene Erscheinungsformen, weißt du? Es zeigt sich durch Freundlichkeit, Sanftheit, Kreativität, Geduld, Hilfsbereitschaft, Rücksicht und viele andere Eigenschaften mehr. Welche besondere Art des Lichts möchtest du denn am Liebsten erfahren?"

Nach langem Überlegen wußte die Seele, was sie sein wollte: "Ich möchte Vergebung sein. Das ist doch auch ein Teil des Lichts?"

"Natürlich, ein großer Teil sogar" sagte Gott, "Aber da stellt sich schon wieder ein Problem. Es gibt niemandem, dem du vergeben müßtest. Alles, was ich erschaffen habe ist vollkommen. Alle Seelen sind genauso vollkommen, schön, hell und strahlend wie du."

"Oh weh" sagte da die Seele, "Ja, da hast du recht. Dabei hätte ich mich so gerne als jemand erfahren, der vergibt."

Da kam eine andere Seele zu ihnen, und sagte:" Nun, ich kann dir helfen, wenn du das willst."

"Wirklich?" fragte die erste Seele "Das wäre wirklich sehr lieb von dir. Aber wie willst du das machen?"

"Ich werde in dein nächstes Leben kommen, und dir etwas antun, damit du mir vergeben kannst."

"Ja, aber ... warum willst du denn sowas tun? Du bist doch so vollkommen, so strahlend, so hell und leicht. Warum solltest du dich so schwer machen, deine Schwingung so herunterfahren, daß du mir etwas Böses antun kannst?"

"Weil ich dich liebe" sagte die zweite Seele schlicht. "Und außerdem hast du das Selbe auch für mich getan. Wir waren schon so oft zusammen, haben zusammen gespielt. Wir waren beide schon im Jetzt und im Später, waren oben und unten, waren gut und schlecht, Mann und Frau, waren schon beide Opfer, und waren schon beide Schurken. Du hast es nur vergessen. So halfen und helfen wir uns immer wieder, zu erkennen und auszudrücken, was wir wirklich sind. Und darum werde ich in dein nächstes Leben kommen, und der Böse sein. Ich werde dir etwas Schreckliches antun, und dann kannst du dich als jemand erleben, der vergibt. Aber ich muß dich um einen Gefallen bitten."

"Sicher, alles, was du willst. Du bist wirklich ein Engel, wenn du das für mich tun willst."

Da unterbrach Gott die beiden:" Natürlich ist diese Seele ein Engel. Jedes Wesen ist ein Engel. Denk immer daran: Ich habe dir stets nur Engel geschickt."

"Also" fragte die erste Seele, "was kann ich für dich tun?".

"Nun, ich muß meine Schwingung sehr weit herunterfahren und wirklich sehr schwer werden, um dir etwas Schreckliches anzutun. Ich muß so tun, als wäre ich jemand, der ich gar nicht bin. Darum, in dem Moment in dem ich dir das Schreckliche antue - wenn ich dir das Schlimmste antue, das du dir vorstellen kannst - in dem Moment: denke daran, wer ich wirklich bin!"

"Das werde ich sicher" sagte die erste Seele, "ich werde mich immer so an dich erinnern, wie ich dich jetzt und hier sehe."

"Gut. Das ist sehr wichtig, weißt du?" erklärte die zweite Seele "denn um dir etwas Böses anzutun, muß ich selbst vergessen, wer ich wirklich bin. Und wenn du dich nicht erinnerst, wer ich wirklich bin, kann ich mich lange Zeit auch nicht mehr daran erinnern. Und dann kann es passieren, daß auch du vergißt, wer du wirklich bist. Dann wären wir beide verloren. Dann müßten wir warten, bis eine weitere Seele kommt, und uns daran erinnert, wer wir eigentlich sind."

"Ich werde es sicher nicht vergessen" sagte die erste Seele "und ich werde dir sehr dankbar sein, daß du mir so sehr hilfst."

Und so trafen die beiden Seelen ihre Vereinbarung. Die erste Seele begab sich in ein neues Leben. Sie wartete darauf, zu erfahren, wie es ist, Vergebung zu sein. Und in jedem Moment, wenn eine andere Seele in ihrem Leben auftauchte, egal ob sie ihr Freude oder Trauer brachte, dachte sie daran, was Gott ihr gesagt hatte: "Denke immer daran, ich habe dir stets nur Engel geschickt."

Original englisch: Neale Donald Walsch - Übersetzung: PanTasio