Seien Sie kein Frosch

Neulich stolperte ich über ein interessantes Experiment: Wenn man einen Frosch in einen Topf heißes Wasser wirft, rettet sich dieser und springt sofort wieder raus. Wenn man einen Frosch in einen Topf kaltes Wasser wirft und dieses anschließend langsam immer mehr erhitzt, dann bleibt der Frosch im Wasser, bis es zu spät ist und er verkocht... Wie ‘verkocht‘ sind Sie schon?
Erstaunlich, aber wahr: Der Frosch registriert die lebensbedrohliche Veränderung nur, wenn sie rasch genug vonstatten geht. Verändert sich seine Situation langsam zu einer lebensbedrohlichen, merkt er nichts und stirbt. Hart, aber wahr.
Wie viele Frösche kennen Sie? Wie viele Lebenssituationen von Menschen kennen Sie, aus denen sie sofort herausspringen würden, wenn Sie jetzt genau in dieser Situation wären? Wahrscheinlich einige. Weshalb tun es die meisten Menschen nicht? Weil sie es nicht können? Weil sie es nicht wollen? Oder weil sie sich dank der ‘langsamen Erhitzung‘ so an ihre Situation gewöhnt haben, daß sie gar nicht mehr realisieren, wie heiß es inzwischen geworden ist?
Klar, ist natürlich eine rhetorische Frage. Es liegt nie am Wollen, es liegt nie am Können. Es liegt daran, daß der entsprechende Mensch gar nicht realisiert, was er sich antut. Ansonsten würde er es sofort ändern. Sprich, er würde sich sofort anders entscheiden und springen.
Im Gegensatz zum Menschen hat der Frosch einen entscheidenden Nachteil: Er kann nicht über sich nachdenken. Er ist seiner Biologie ausgeliefert. Und diese funktioniert, wie sie eben funktioniert. Was ist aber mit uns? Obwohl wir über uns nachdenken können, sind wir offenbar nicht viel gescheiter als ein durchschnittlicher Frosch. Wir nutzen unseren Vorteil nicht, oder?
Interessanterweise geht es hier nicht mehr auf. Klar benutzen wir unsere Fähigkeit, über uns selber nachzudenken, aber trotzdem verkochen wir immer wieder. Weshalb?
Meiner Meinung nach ist es geradezu lächerlich einfach: Weil uns niemand beigebracht hat, wie das Leben funktioniert. Beziehungsweise haben wir eine ‘unglückliche‘ Vorstellung davon, wie wir unseren Kopf benutzen sollen. Der Frosch folgt einfach seinem Programm, das eine kleine Veränderung mit einem Anpassungsversuch quittiert, bis zum Punkt, an dem die Anpassung nicht mehr möglich ist. Dummerweise ist es dann bereits zu spät. Wir tun offenbar das Gleiche. Wir passen uns, solange es geht, einfach an, wenn kleine Veränderungen geschehen. Irgendwann finden wir uns in einer Situation wieder, die uns hinten und vorne nicht gefällt, und wissen dabei nicht, wie wir erstens überhaupt so weit kommen konnten und zweitens, wie wir wieder aus der Situation hinauskommen...
Wenn wir wüßten, daß wir unser Leben selber erschaffen, und wenn wir wüßten, daß unser Kopf ein Spitzenwerkzeug ist, um im Moment Entscheidungen zu fällen, dann wäre keine Situation unlösbar. Tun wir aber offenbar nicht, denn statt die Verantwortung für die Situation zu übernehmen (wir haben sie freiwillig selber so erschaffen!), schreien wir: »Ungerechtigkeit!«, »Der! Die! Das ist schuld!«, »Pech gehabt!«, »Ist halt Schicksal...« oder der Spitzenreiter unter den esoterisch Verklärten: »Ist halt mein Karma. .. «. Nichts dergleichen!
Ihre Entscheidungen (bewußt oder unbewußt) haben Sie genau an den Punkt gebracht, an dem Sie jetzt gerade sind. Wenn Ihnen das klar ist, sind sie kein Opfer mehr, sind Sie unabhängig von Tätern, Pech, Schicksal, Karma und was sonst alles noch so herhalten muß (der böse Staat, der böse Partner, die bösen Eltern, der böse Chef...). Statt jetzt gerade, in diesem Augenblick, einfach andere Entscheidungen zu treffen (die andere Resultate produzieren), benutzen wir unseren Super-Biocomputer lieber, um zu analysieren, was wir wohl in der Vergangenheit falsch gemacht haben könnten und was wir in Zukunft richtig machen müßten. Morgen kommt nie und gestern ist gelaufen! Was zählt, ist einzig und alleine der Moment jetzt gerade. Wenn Sie die gleichen Entscheidungen fällen, die Sie an den Punkt gebracht haben, an dem Sie jetzt sind, werden Sie weiter auf der Stelle treten.
Stellen Sie sich den Frosch vor wie er denkt:
»Shit, mir ist heiß. Weshalb ist mir wohl jetzt heiß? Ich glaube, ich buche nächstens ein Reinkarnations-Seminar um die Ursache für diese Hitzewallungen zu ergründen, oder sollte ich mich mal gründlich durchchecken lassen?...« Und während er mit seinem begrenzten Köpfchen in der Vergangenheit oder Zukunft eine Lösung sucht, bleibt er im heißen Wasser sitzen (fällt also die gleiche Entscheidung wie bisher!!) und geht zu Grunde.
Wenn Sie kein Frosch sein wollen, betrachten Sie nicht die Vergangenheit, betrachten Sie nicht die Zukunft, betrachten Sie den Moment. Und entscheiden Sie aus dem Moment heraus. Wenn Sie die gleichen Entscheidungen fällen, die Sie bisher gefällt haben, wird sich Ihre Situation nur gering verändern bzw. sie wird sich weiter in die eingeschlagene Richtung bewegen. Wenn Sie andere Entscheidungen fällen, wird sich Ihre Situation verändern. Garantiert!
Das Erstaunliche an der Geschichte ist, daß Sie gar nicht genötigt sind, ‘riesige‘ Entscheidungen zu treffen. Die kleinen machen es aus. Diejenigen, die sich auf den Moment genau jetzt beziehen, nicht die, die vielleicht in fünf Jahren aktuell sind oder die, die Sie vor fünf Jahren gefällt haben!
Sie brauchen also keine Prinzessin, die Sie küßt, um sich zum Prinzen zu machen! Sie können sich selber zum Prinzen (oder was auch immer) machen. Das Einzige, was Sie dazu benötigen, haben Sie bereits: Bewußt-Sein. Die Möglichkeit, in jedem neuen Moment bewußt eine andere Entscheidung zu fällen als bisher. Mit dem Resultat, daß sich Ihre Situation anders entwickelt als bisher.
Wenn Sie dazu neigen, immer in der gleichen Situation das Gleiche zu tun, dann entscheiden Sie bei der nächsten Gelegenheit einmal 18O° anders. Beispielsweise wenn Sie jedesmal, wenn Sie von jemandem versetzt worden sind, bisher geschmollt haben und der Tag ‘gelaufen‘ war, könnten Sie ja abwechslungsweise einmal davon ausgehen, daß es keinen Zufall gibt und Sie nur deshalb versetzt worden sind, weil Sie anstelle des Geplanten etwas viel ‘Besseres' erleben werden... lassen Sie sich überraschen.
OK. Ob Sie ein Frosch oder ein Prinz (bzw. Prinzessin) sind, ist Ihre Entscheidung. Springen Sie!
Viel Spaß und Erkenntnis.
Björn Walker
~ gefunden in einer Obdachlosenzeitung ~
